Fassi’s Sohn
Er saß mit ihr in einer Bar in Kreuzberg und sie tranken gemütlich ihren Kaffee… Dieses Mädchen mit den wunderschönen dunklen Augen war eine wunderbare Zuhörerin… Er hatte das Gefühl, dass er ihr alles sagen konnte…
„Ich bin schwer kategorisierbar. Durch meine jüdische Mutter bin ich eigentlich ein Jude, durch meinen moslemischen Vater bin ich aber ein Moslem. Aber im Grunde bin ich gar nichts. Ich bin von meinen Eltern nicht religiös erzogen worden. Sie haben sicher keine Vor- oder Nachteile einer solchen Erziehung abgewogen oder sich bewusst dafür entschieden. Es war wahrscheinlich aus reiner Vernachlässigung. Sie kümmerten sich ja sowieso ziemlich wenig um mich. Ich habe mich praktisch selbst erzogen. So kommt es mir wenigstens heute vor. Aber was soll man von ihnen verlangen, wo sie sich doch selbst nicht um ihre eigene Religion groß scherten. Nicht mal Traditionen oder große Feste waren ihnen besonders wichtig. Außer, dass es bei uns zu Hause kein Schweinefleisch gab. Darin waren sie sich beide einig. Das hatte aber wirklich nichts mit Religion oder Überzeugung zu tun. Das war nur rein gewohnheitsmäßig so, weil sie es beide nicht anders kannten.
Angesichts ihrer gemischten Ehe ist es wohl auch kein Wunder, dass sie nicht mit ihrer Religiosität hausieren gingen. Vielleicht war es ihre einzige Chance, so Ihre Unterschiede in Einklang zu bringen. Einfach alles zu verleugnen, was vorher war. Und alles was danach kam, sich nicht noch schwerer als es sowieso schon war, mit faulen Kompromissen zu machen. Oder sie haben beide ihre Gläubigkeit einfach schon viel früher eingebüßt. Mama als sie im Kibbuz ihre Freiheit genießen wollte, und Papa als er seine Heimat verließ und sich vor ihm eine neue, freizügige Welt eröffnet hatte. Ich weiß es nicht…
Na ja, jedenfalls war ich trotzdem gläubig. Auf meine eigene Art, ganz ohne mich an irgendwelchen Traditionen orientieren zu müssen. Ich habe auch schon immer gebetet. So lange ich mich erinnern kann, habe ich schon gebetet. Meine Gebete hatten keine besondere Form, ich unterhielt mich einfach mit Gott. Nein, ich führte in meinen Gedanken lange Monologe, bevor ich einschlief. Irgendwie hoffte ich immer, dass mich jemand oder etwas hörte. Dass mir jemand Aufmerksamkeit schenkte. Das jemand eine Macht hatte mich zu lenken, auf mein Leben von außer Einfluss zu nehmen. Die Schwierigkeiten zu beseitigen, die ich nicht beseitigen konnte. Laut hätte ich es nie ausgesprochen, aber so privat wie meine Gedanken auch waren, so sehr waren sie auch immer mit einer Bitte, mit einer Hoffnung verbunden. Und weißt du was mein Lieblingsgebet war? Wenn ich es genau bedenke, ist es immer noch mein Lieblingsgebet…
„Lieber Gott ich danke dir für alles, was du mir an heutigem Tag geschenkt hast, und gib mir bitte an keinem zukünftigen Tag meines Lebens weniger Gutes, als du mir heute gegeben hast.“
Und erstaunlicherweise, immer wenn ich besonders intensiv um etwas bat, dann bekam ich es auch von Gott geschenkt. Immer wenn ich mir etwas besonders wichtiges in den Kopf gesetzt hatte und Gott darum bat, da manifestierte sich mir seine Macht und Allmächtigkeit, indem er mir die Wünsche erfüllte. Keine materiellen Wünsche. Es ging immer um Situationen, es ging darum mein Schicksal so zu fügen, wie es für mich am günstigsten wäre. Und durch diese indirekten Beweise war es mir eindeutig klar, dass es Gott gab. Dass er Einfluss hat auf das ganze Geschehen, dass er alles lenkt. Man braucht ihn nur zu bitten, besonders intensiv zugegeben, aber diese Mühe ist wirklich nicht der Rede wert. Dafür bekommt man doch alles, was man sich wünscht. Ist das nicht phantastisch?







